Flotsam war lange eines dieser Spiele, die im riesigen Steam Angebot fast untergegangen sind. Zwischen all den Releases und Early Access Titeln ging dieses kleine Juwel leicht verloren. Umso schöner ist es, dass das Spiel nun offiziell aus dem Early Access heraus ist. Denn so konnte ich endlich richtig ins Spiel eintauchen.
Was ich gefunden habe, war eine wirklich positive Überraschung. Ein entspannter, cleverer und ungewöhnlicher City Builder mit eigenem Charakter, wo man die Kontrolle über drei Schiffbrüchige übernimmt, die in einer zerstörten, überfluteten Welt auf einem kleinen Boot treiben. Aus dem Müll des Ozeans – also Plastik, Treibholz und Relikten einer untergegangenen Zivilisation – baut ihr euch nach und nach eine schwimmende Stadt auf, um zu überleben. Dabei durchläuft ihr die klassischen Town Builder Themen wie Nahrung sichern, Lager verwalten, die Zufriedenheit eurer Crew im Blick behalten und gleichzeitig immer weiter wachsen.
Das große Ziel von Flotsam ist es, langfristig autark zu werden. Das Spiel teilt sich dabei in drei Kernbereiche auf: Bauen, Reisen und Überleben. Da eure Stadt ein Schiff ist, könnt ihr euch jederzeit neue Regionen auf der Map erschließen. Ihr zieht euer Floß einfach weiter zu neuen Ressourcen, was meistens erstaunlich einfach funktioniert, auch wenn ich mich ein paar Mal buchstäblich zwischen Felsen und Wracks festgefahren habe.
Bei Flotsam ist die Automatisierung der Herrscher

Sobald ihr euch in einem Gebiet eingerichtet habt, gebt ihr euren Driftern Anweisungen, im Meer nach Ressourcen wie Plastik, Treibholz oder Schrott zu tauchen. Zu Beginn schaut ihr ihnen noch dabei zu, wie sie selbst ins Wasser springen, doch schon bald schaltet ihr Boote frei und verwaltet eine kleine Flotte. Genau hier beginnt Flotsam richtig zu glänzen, denn das Spiel will euch erstaunlich schnell an den Punkt bringen, an dem eure schwimmende Stadt sich fast von allein am Laufen hält. Interessanterweise entfaltet genau hier dann das ganze Potenzial.
In meiner eigenen kleinen Siedlung baue ich inzwischen sogar selbst Seetang an, sodass niemand mehr hungern muss. Parallel dazu betreibe ich eine Flotte aus vier Booten: ein Fischerboot für die Nahrungsversorgung und drei Bergungsboote, die permanent Schrott und Materialien aus dem Ozean ziehen. Trotz all dieser Systeme hatte ich nie das Gefühl, den Überblick zu verlieren. Alles greift sauber ineinander, und die Drifter erledigen ihre Aufgaben zuverlässig, ohne ständig manuell eingreifen zu müssen.
Gerade dieses Gefühl von stetigem Fortschritt ist unglaublich befriedigend. Ihr startet mit kaum mehr als ein paar Überlebenden auf einem Floß und wachst langsam zu einer kleinen, gut geölten Maschinerie heran. Solange ihr darauf achtet, genug Nahrung zu produzieren und eure Abläufe nicht aus dem Gleichgewicht geraten, läuft der Rest fast wie von selbst.
Der Schwierigkeitsgrad von Flotsam lässt etwas zu wünschen übrig
Trotz seines postapokalyptischen Settings ist Flotsam insgesamt kein besonders hartes Spiel. Es schlägt eine deutlich entspanntere Richtung ein als viele andere Vertreter des Genres und gibt euch vor allem die Freiheit, eure schwimmende Stadt so aufzubauen, wie ihr es möchtet.
Die ersten Stunden fühlen sich noch ein wenig wackelig an, wenn Nahrung knapp ist und jede Entscheidung zählt, doch erstaunlich schnell entwickelt sich eure Siedlung zu einer gut funktionierenden kleinen Maschinerie. Dieser Übergang vom Überleben zum Optimieren passiert fast unmerklich. Denn plötzlich seid ihr mehr damit beschäftigt, eure Systeme zu verfeinern als ums nackte Überleben zu kämpfen.
Allerdings kann es dabei auch unübersichtlich werden. Wenn die Stadt wächst und immer mehr Produktionsketten aktiv sind, verliert ihr gelegentlich den Überblick. Plötzlich fehlt Holz, Wege lassen sich nicht mehr bauen, und ihr müsst herausfinden, welches Gebäude oder welcher Drifter gerade alles verschlingt.
Das fühlt sich manchmal an wie ein altes Adventure, in dem ihr hektisch jeden Knopf drückt, um den einen versteckten Schalter zu finden. Der Unterschied ist, dass sich in Flotsam solche Fehler schnell und unkompliziert beheben lassen, ohne euch hart zu bestrafen.
Die Menüs tragen auch viel dazu bei. Sie sind groß, klar strukturiert und leicht zu lesen. Prozesse zu verwalten oder neue Gebäude zuzuweisen, geht flott von der Hand. Gleichzeitig steckt unter dieser zugänglichen Oberfläche erstaunlich viel Tiefe, vor allem wenn ihr euch durch die Ressourcen- und Freischaltungstabellen arbeitet und plant, was ihr als Nächstes verbessern wollt.
Flotsam ist ein voller Early Access Erfolg

Flotsam ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie gut Early Access funktionieren kann, wenn Entwickler ihr Spiel wirklich ernst nehmen. Pajama Llama Games hat die Zeit nicht nur genutzt, um Bugs auszubügeln, sondern vor allem, um das Spielerlebnis gezielt zu verfeinern. Man merkt in jeder Ecke, dass hier ein Team am Werk war, das das Genre der Aufbau- und Managementspiele versteht.
Flotsam ist extrem zugänglich, selbst für Newbies, und gleichzeitig vollgepackt mit kleinen Komfortfunktionen, die den Spielfluss angenehm machen. Egal, ob es um das Zuweisen von Aufgaben, das Überwachen von Ressourcen oder das Umplanen eurer schwimmenden Stadt geht, denn alles fühlt sich logisch an. Selbst wenn ihr euch mal verplant habt und eine wichtige Ressource fehlt, habt ihr nie das Gefühl, gegen die Benutzeroberfläche oder das Spiel selbst zu kämpfen.
Dazu kommt der einzigartige Look, der Flotsam sofort wiedererkennbar macht. Die dicken Umrisse, die bunten Farben und die lebhaften Animationen sorgen dafür, dass selbst komplexe Abläufe immer freundlich und einladend wirken. Gebäude wippen leicht, Drifter hüpfen von Aufgabe zu Aufgabe, und alles scheint ständig in Bewegung zu sein.
Besonders schön ist es, das Spiel auf maximale Geschwindigkeit zu stellen und zuzusehen, wie eure kleine Crew hektisch, aber gut gelaunt ihre Stadt weiter ausbaut. Solch eine Mischung aus Klarheit, Charme und spielerischer Leichtigkeit zeigt, wie sehr Flotsam vom langen Entwicklungsprozess profitiert hat.
Die System Mechaniken von Flotsam greifen brillant ineinander
Ich liebe Automationsspiele, in denen ihr euch irgendwann ein funktionierendes System aufbaut und euch dann auf das große Ganze konzentrieren könnt. Genau hier spielt Flotsam seine größte Stärke aus. Das Spiel ermutigt euch ständig, seine verschiedenen Mechaniken zu entdecken und miteinander zu kombinieren, ohne euch dabei je auszubremsen.
Besonders der Übergang vom Steuern eures Boots hin zum Aufbau einer Fischerei oder einer Bergungsflotte fühlt sich erstaunlich smooth an. Alles greift logisch ineinander, sodass ihr immer das Gefühl habt, die Kontrolle über eure schwimmende Stadt zu behalten.
Dabei könnt ihr euch richtig tief in die Systeme eingraben… müsst es aber nicht. Flotsam funktioniert sowohl für Spieler, die jedes Produktionskettchen optimieren wollen, als auch für jene, die eher nach Bauchgefühl bauen. Gleichzeitig zeigt das Spiel ziemlich gnadenlos, wie ihr denkt. Plant ihr voraus oder reagiert ihr erst, wenn es brennt? Ich gehöre eher zur zweiten Kategorie, was dazu führte, dass meine Stadt irgendwann etwas unübersichtlich wurde. Aber selbst das ließ sich schnell wieder in den Griff bekommen.
Flotsam ist im Kern eine Art Rube Goldberg Maschine. Denn jedes System beeinflusst ein anderes, vom Ressourcenabbau über die Nahrungsproduktion bis hin zur Erweiterung eurer Crew. Dass das so problemlos funktioniert, liegt vor allem an der starken KI der Drifter, die ihre Aufgaben zuverlässig ausführen.
Nur wenn sie schlafen müssen, kommt der Betrieb kurz ins Stocken. Gerade neue Orte zu erkundigen, oder neue Tools zu finden, fühlt sich wie ein Puzzlestück an, das perfekt ins große Bild passt. Zusammen mit den lebendigen Animationen ist das einfach unglaublich befriedigend und zieht euch immer weiter in diesen maritimen Aufbaurausch hinein.
Atmosphäre zwischen Einsamkeit und Hoffnung auf offener See

Ein Aspekt von Flotsam, der bisher leicht untergeht, ist die besondere Stimmung, die das Spiel über viele Stunden hinweg aufbaut. Obwohl ihr ständig damit beschäftigt seid, Ressourcen zu sammeln, Gebäude zu errichten und eure Crew bei Laune zu halten, schwebt über allem eine spürbare Melancholie.
Die Welt ist fast vollständig überflutet, alte Städte liegen als rostige Wracks unter der Wasseroberfläche, und ihr bewegt euch mit eurer schwimmenden Siedlung durch eine Landschaft voller Überreste einer untergegangenen Zivilisation. Das erzeugt eine ganz eigene Art von postapokalyptischer Ruhe, die sich stark von den üblichen düsteren Endzeitspielen unterscheidet.
Die Geräuschkulisse trägt viel dazu bei. Möwen, Wellen, Wind und das leise Klappern eurer Maschinen begleiten euch ständig und lassen die Welt lebendig wirken, ohne jemals aufdringlich zu sein. Gleichzeitig unterstreicht die Musik diesen leicht verträumten Ton, der perfekt zu dem gemächlichen Spieltempo passt. Ihr seid nicht in einem Wettlauf gegen die Zeit, sondern in einer langen Reise, bei der es darum geht, Schritt für Schritt wieder etwas aufzubauen.
Auch eure Crew verstärkt dieses Gefühl. Die Drifter sprechen zwar nur in lustigem Kauderwelsch, aber ihre kleinen Animationen und Eigenheiten geben ihnen Persönlichkeit. Wenn ihr seht, wie sie gemeinsam arbeiten, essen oder einfach auf dem Deck herumwuseln, entsteht überraschend schnell eine emotionale Bindung. Flotsam schafft es dadurch, aus einer simplen Aufbausimulation eine Reise zu machen, die sich nicht nur logisch, sondern auch menschlich anfühlt.
Wenn aus Planung plötzlich Chaos wird
Eines der Dinge, die mich in Flotsam am meisten überrascht haben, sind die kleinen Geschichten, die ganz von selbst entstehen. Ihr startet mit einem überschaubaren Floß, ein paar Driftern und klaren Zielen. Doch irgendwann kippt diese Ordnung in ein wunderbar kontrolliertes Chaos.

Bei mir war es der Moment, als ich dachte, meine Versorgung mit Holz sei perfekt gesichert. Plötzlich standen meine Leute herum, neue Gebäude wurden nicht fertig, und niemand wusste so recht warum. Erst nach ein paar Minuten Panik in den Menüs habe ich gemerkt, dass ein neues Bauprojekt im Hintergrund mein gesamtes Holz verschlungen hatte.
Solche Situationen fühlen sich nicht wie Fehler des Spiels an, sondern wie echte Management Probleme. Ihr müsst innehalten, eure Prioritäten neu ordnen und manchmal auch schmerzhafte Entscheidungen treffen. Baue ich jetzt den Wassertank fertig oder rette ich lieber die Nahrungskette? Flotsam zwingt euch immer wieder dazu, über eure eigene Planung nachzudenken.
Besonders stark ist dieses Gefühl, wenn ihr euer Floß weiter über die Map bewegt. Ihr entdeckt ein neues Trümmerfeld, freut euch auf reiche Beute… und merkt dann, dass euch der Platz fehlt, um alles mitzunehmen. Diese Mischung aus Hoffnung, Improvisation und kleinen Rückschlägen ist schon spannend. Für mich fühlt sich Flotsam deshalb nicht gerade wie ein reines Aufbauspiel an, sondern eher wie eine lange, persönliche Überlebensgeschichte auf dem offenen Meer.
Die kleinen Stolpersteine
So charmant und entspannend Flotsam auch ist, ganz ohne Ecken und Kanten kommt dieses schwimmende Städtchen nicht aus. Denn je größer euer Floß wird, desto unübersichtlicher kann es sich anfühlen.
Gebäude, Lager und Produktionsketten wachsen dicht an dicht, und irgendwann sucht ihr länger nach dem Problem als nach der Lösung. Gerade wenn plötzlich ein Rohstoff knapp wird, kann es frustrierend sein, herauszufinden, welche Werkbank oder welches Gebäude gerade alles leer saugt.
Auch das eher niedrige Schwierigkeitsniveau ist ein zweischneidiges Schwert. Für viele von euch ist das entspannte Tempo ein großer Pluspunkt, doch wer nach einer echten Aufbaustrategie Herausforderung sucht, könnte sich unterfordert fühlen. Krisen lassen sich meist schnell beheben, und selten steht euer gesamtes Projekt wirklich auf der Kippe.
Dazu kommt, dass sich einige Abläufe im späteren Spielverlauf wiederholen. Neue Gebiete bringen zwar frische Ressourcen, doch der grundlegende Ablauf bleibt gleich. Das ist beruhigend, kann aber auf Dauer auch ein wenig monoton wirken. Flotsam lebt stark von seiner Atmosphäre und seinem Flow, aber nicht unbedingt von neuen spielerischen Überraschungen.
Fazit
Ich hoffe wirklich, dass Flotsam die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient, denn es ist aktuell ein echtes Juwel im riesigen Steam Stapel. Seit dem Start im Jahr 2019 hat das Spiel einen langen Weg hinter sich, und die 6 Jahre im Early Access, begleitet von einer engagierten Community, haben sich sichtbar ausgezahlt. Kaum ein anderer City Builder der letzten Zeit fühlt sich so rund, durchdacht und zugleich zugänglich an.
Flotsam ist deshalb ein Paradebeispiel dafür, wie gut Early Access funktionieren kann, wenn ein Team seine Vision ernst nimmt. Wer sich alte Versionen anschaut, erkennt sofort, wie viel Feinschliff, Komfortfunktionen und Balancearbeit hier eingeflossen sind. Das fertige Spiel ist heute eines der stärkeren Vertreter seines Genres, da es eine frische, maritime Perspektive auf den Städtebau bietet, ohne die bewährten Tugenden, wie Planung, Ressourcenmanagement oder Wachstum, zu verlieren.
Natürlich hat das Spiel auch seine Schwächen. Große Siedlungen können etwas unübersichtlich werden, manche Abläufe wiederholen sich, und der niedrige Schwierigkeitsgrad nimmt der Apokalypse einen Teil ihrer Bedrohung. Doch genau diese entspannte, fast gemütliche Stimmung macht Flotsam für viele das beste City Town Builder Spiel. Denn es möchte euch nicht nerven, sondern euch nur in seinen Flow ziehen.
Ob auf dem PC oder gemütlich auf dem Steam Deck: Flotsam ist eine wunderbar beruhigende, aber trotzdem spannende Erfahrung. Kurz gesagt ist es also definitiv einen Blick wert.
| Vorteile | Nachteile |
| Hervorragender Twist auf das klassische City Builder Genre | Städte können mit der Zeit unübersichtlich werden |
| Fühlt sich auch mit vielen freigeschalteten Systemen nie überwältigend an | Auf den Standardeinstellungen nicht besonders anspruchsvoll |
| Man ist extrem schnell mitten im Spielgeschehen | Das späte Spiel kann sich stellenweise etwas repetitiv anfühlen |
| Grafikstil und Atmosphäre sind durchgehend stimmig und charmant | |
| Sehr zugängliche Menüs und Steuerung, auch für Einsteiger geeignet |
