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The Scroll of Taiwu ist endlich in Version 1.0 erschienen und bietet nun auch englische Sprachunterstützung. Damit öffnet sich eines der faszinierendsten chinesischen Indie-RPGs einem deutlich größeren internationalen Publikum.
Entwickelt von ConchShip Games, ist The Scroll of Taiwu ein Open-World-Wuxia-Sandbox-RPG, das in einer mythologischen Version des alten China spielt. Diese Beschreibung klingt allerdings fast zu simpel, denn das Spiel ist weit mehr als nur ein Martial-Arts-Abenteuer mit großer Karte. Es verbindet Lebenssimulation, Roguelike-Elemente, Dorfverwaltung, Generationendrama und ein tiefes, systemgetriebenes Rollenspiel zu einer ziemlich ungewöhnlichen Mischung.
Ihr seid nicht der Held, um den sich alles dreht
Der spannendste Gedanke hinter The Scroll of Taiwu ist, dass ihr nicht der Mittelpunkt des Universums seid. Zwar beginnt ihr als auserwählter Kämpfer, der gegen ein großes Übel antreten soll, doch das Spiel behandelt euch nicht wie eine unsterbliche Legende, die alles kontrolliert.
Stattdessen seid ihr eine Person in einer lebendigen Welt. Ihr müsst ein Dorf verwalten, Kampfkünste erlernen, Beziehungen pflegen, Handwerk betreiben, klassische Texte studieren und gleichzeitig in einem Jianghu überleben, das auch ohne euch weiterexistiert.
Genau dadurch entsteht ein völlig anderes RPG-Gefühl. Ihr seid wichtig, aber nicht allmächtig. Eure Entscheidungen zählen, doch die Welt wartet nicht geduldig darauf, dass ihr bereit seid.
Eine lebendige Welt mit Tausenden NPCs
Jeder Durchlauf von The Scroll of Taiwu kann zwischen 5.000 und 10.000 prozedural generierte NPCs enthalten. Diese Figuren haben eigene Persönlichkeiten, Beziehungen, Rivalitäten, Ziele und Lebensläufe.
Charaktere altern, werden krank, verlieben sich, schließen Freundschaften, entwickeln Feindschaften und sterben irgendwann. Ein Rivale kann später Teil eurer Familie werden. Ein alter Konflikt kann über Generationen hinweg weitergetragen werden. Selbst eure eigene Bestimmung muss nicht mit einer einzigen Figur enden, denn sie kann an einen anderen Charakter weitergegeben werden.
Das macht The Scroll of Taiwu weniger zu einer klassischen Heldengeschichte und mehr zu einer riesigen sozialen Simulation. Wenn ihr euch auf das Spiel einlasst, schreibt ihr keine lineare Story, sondern beobachtet, wie aus Systemen, Zufällen und Entscheidungen eine eigene Chronik entsteht.
Ähnlich wie bei State of Decay 3: Neue Co-op-Details zeigen deutlich mehr Freiheit für Spieler geht es hier stark darum, wie offene Systeme Geschichten erzeugen können, ohne jede Szene streng vorzuschreiben.
Mehr als 700 Kampfkünste und enorme Rollenspiel-Tiefe
Auch spielerisch ist The Scroll of Taiwu gewaltig. Das Kampfsystem umfasst mehr als 700 Fähigkeiten, die unterschiedliche Kampfstile, Schulen und philosophische Ansätze abbilden.
Dabei geht es nicht nur darum, stärker zu werden und bessere Werte zu sammeln. Kampfkünste sind in der Welt des Spiels eng mit Tradition, Wissen, Training und persönlicher Entwicklung verbunden. Wer wirklich tief einsteigen will, muss verstehen, wie Fähigkeiten zusammenwirken und wie sie zu eurer Figur passen.
Dazu kommt ein Skript, das Berichten zufolge rund 4,5 Millionen chinesische Schriftzeichen umfasst. Das zeigt, wie groß die erzählerische und kulturelle Grundlage des Spiels ist.
The Scroll of Taiwu wirkt dadurch zunächst einschüchternd, aber genau diese Komplexität ist auch ein großer Teil seiner Faszination.
Version 1.0 macht den Einstieg zugänglicher
Mit dem 1.0-Release haben die Entwickler mehrere Verbesserungen eingeführt, die euch den Einstieg erleichtern sollen. Dazu gehören überarbeitete Tutorials, eine angepasste Benutzeroberfläche und die sogenannte Taiwupedia.
Diese Taiwupedia dient als Wissenssystem, das euch dabei helfen soll, die vielen Mechaniken, Begriffe und Zusammenhänge besser zu verstehen. Gerade bei einem Spiel, das so stark in Wuxia, chinesischer Mythologie, klassischer Literatur und traditionellem Handwerk verwurzelt ist, ist das enorm wichtig.
Die Herausforderung besteht darin, neue Spieler nicht zu überfordern, ohne die Tiefe zu entfernen, die The Scroll of Taiwu in China zu einem Kultspiel gemacht hat. Genau dieser Balanceakt scheint im Mittelpunkt der Version 1.0 zu stehen.
Die englische Übersetzung ist ein großer Schritt
Die neue englische Lokalisierung ist für The Scroll of Taiwu ein entscheidender Moment. Das Spiel war lange vor allem für chinesischsprachige Spieler zugänglich, obwohl es international immer wieder Aufmerksamkeit bekam.
Eine Übersetzung dieses Spiels ist jedoch deutlich schwieriger als bei vielen anderen RPGs. Wuxia-Begriffe, kulturelle Konzepte, Kampfschulen, philosophische Ideen und literarische Anspielungen lassen sich nicht einfach eins zu eins übertragen.
Deshalb ist die englische Version nicht nur eine sprachliche Anpassung, sondern auch eine kulturelle Brücke. Sie ermöglicht es mehr Spielern, eine RPG-Tradition zu entdecken, die sich deutlich von westlichen Fantasy-Formeln unterscheidet.
Auch bei Arma: Cold War Assault bekommt Remaster, spielbare Demo und offenen Quellcode wurde zuletzt deutlich, wie wichtig es sein kann, ältere oder komplexere Spielewelten für neue Zielgruppen zugänglich zu machen, ohne ihre ursprüngliche Identität zu verlieren.
Kein bequemes RPG, aber ein besonderes
The Scroll of Taiwu ist kein Spiel, das euch ständig an die Hand nimmt. Es ist dicht, anspruchsvoll und teilweise bewusst sperrig. Wer ein schnelles Power-Fantasy-RPG sucht, wird hier vermutlich nicht sofort glücklich.
Wenn ihr aber Spiele mögt, die euch langsam in ihre Welt hineinziehen, kann The Scroll of Taiwu extrem faszinierend werden. Es geht nicht nur darum, stärker zu werden, sondern darum, Teil einer Welt zu sein, die größer ist als eure aktuelle Figur.
Gerade diese Demut macht das Spiel besonders. Ihr seid nicht der Retter, um den sich alles dreht. Ihr seid ein Leben unter vielen, und genau daraus entstehen Geschichten, die sich persönlicher und unvorhersehbarer anfühlen als viele klassisch geschriebene RPG-Kampagnen.
Fazit
The Scroll of Taiwu ist eines der ungewöhnlichsten RPGs, die derzeit auf Steam erhältlich sind. Mit Version 1.0 und englischer Unterstützung bekommt das chinesische Indie-Rollenspiel endlich die Chance, ein größeres internationales Publikum zu erreichen.
Das Spiel kombiniert Wuxia-Fantasy, Lebenssimulation, Roguelike-Strukturen, Dorfverwaltung und generatives Storytelling zu einer Erfahrung, die sich deutlich von vielen westlichen RPGs unterscheidet.
Wenn ihr bereit seid, euch auf seine Komplexität einzulassen, bekommt ihr kein Spiel, das euch einfach zum Helden erklärt. Ihr bekommt eine Welt, in der ihr euch euren Platz erst verdienen müsst.