Der österreichische Oberste Gerichtshof (OGH) hat am 18. Dezember 2025 im Verfahren 6 Ob 228/24h eine wegweisende Entscheidung getroffen: Lootboxen in FIFA Ultimate Team stellen kein Glücksspiel im Sinne des österreichischen Glücksspielgesetzes dar. Damit hob das Höchstgericht zwei frühere Urteile auf, die Electronic Arts und Sony zur Rückzahlung mehrerer tausend Euro an einen Spieler verpflichtet hatten, der zwischen 2017 und 2021 rund 20.000 Euro in Packs investiert hatte.
Die Entscheidung bringt Österreich auf eine Linie mit den Niederlanden – und in einen deutlichen Gegensatz zu Belgien, wo Lootboxen bereits 2018 als illegales Glücksspiel eingestuft wurden.
Der „Ganzheitsansatz“: Lootboxen dürfen nicht isoliert betrachtet werden
Kern der Entscheidung ist ein neuer, klar formulierter Prüfungsmaßstab. Der OGH stellte fest:
„Lootboxen in der vom Kläger gespielten Videospiel-Fußballsimulation sind nicht losgelöst vom restlichen Videospiel zu beurteilen.“
Statt einzelne Pack-Käufe isoliert als Glücksspieltransaktion zu analysieren, müsse das Spiel „in seiner Gesamtheit“ bewertet werden. Nach § 1 Abs. 1 Glücksspielgesetz liegt Glücksspiel nur dann vor, wenn die Entscheidung über das Spielergebnis ausschließlich oder überwiegend vom Zufall abhängt.
Bei sogenannten „Mischspielen“ mit Zufalls- und Geschicklichkeitselementen wenden österreichische Gerichte den Maßstab der „berechtigten rationalen Erwartung“ an: Kann ein Spieler durch eigenes Können realistische Gewinnerwartungen entwickeln?
Der OGH bejahte dies für FIFA. Zwar sei der Inhalt der Packs zufallsbasiert, doch der Spieler beeinflusse den Spielverlauf maßgeblich durch Taktik, Strategie und Controller-Geschick. Damit fehle das überwiegende Zufallselement, das für Glücksspiel erforderlich wäre.
Frühere Urteile kamen zum gegenteiligen Ergebnis
Die Vorinstanzen hatten Lootboxen noch als konzessionspflichtiges Glücksspiel eingestuft. Ein Bezirksgericht sprach einem Kläger 338 Euro zu, ein Wiener Gericht sogar 10.800 Euro. Das Oberlandesgericht Wien korrigierte diese Sichtweise 2024 und ließ die Revision zum OGH zu.
Mit dem nun ergangenen Höchstgerichtsurteil ist der Ganzheitsansatz für alle österreichischen Gerichte verbindlich. Zusätzlich berücksichtigte der OGH drei weitere Aspekte:
- Lootboxen werden typischerweise zum Gebrauch im Spiel erworben, nicht zur Gewinnerzielung
- Die Kaufprozesse sind technisch vollständig ins Gameplay integriert
- Digitale Inhalte sind außerhalb des Spiels nicht übertragbar
Europa bleibt gespalten: Belgien als strenger Sonderfall
Während Österreich und die Niederlande Lootboxen nicht als Glücksspiel einstufen, verfolgt Belgien seit 2018 eine besonders harte Linie. Die dortige Glücksspielkommission qualifizierte FIFA-Packs als illegales Glücksspiel. EA stellte daraufhin den Verkauf von FIFA Points in Belgien ein.
Theoretisch drohen dort hohe Geldstrafen und sogar Freiheitsstrafen. Praktisch ist die Durchsetzung jedoch lückenhaft: Studien zeigen, dass weiterhin ein Großteil der umsatzstärksten Spiele bezahlte Lootboxen enthält.
Wissenschaftliche Studien zeigen deutliche Risiken
Parallel zur juristischen Entwicklung wächst die wissenschaftliche Evidenz. Mehrere Studien belegen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Lootbox-Ausgaben und problematischem Glücksspielverhalten. Besonders Jugendliche gelten als gefährdet.
Meta-Analysen zeigen konsistente positive Korrelationen. Untersuchungen legen zudem nahe, dass sogenannte „Whales“, also Spieler mit extrem hohen Ausgaben, überdurchschnittlich häufig problematische Spielmuster aufweisen.
Dennoch orientieren sich Gerichte weiterhin an klassischen Glücksspieldefinitionen, die auf monetäre Gewinne und Auszahlbarkeit abstellen – Kriterien, die auf digitale Items oft nicht passen.
Milliardenmarkt FIFA Ultimate Team
FIFA Ultimate Team ist eines der umsatzstärksten Monetarisierungsmodelle der Branche. EAs „Live Services“-Umsätze erreichten zuletzt mehrere Milliarden US-Dollar jährlich. Der Großteil entfällt auf Ultimate-Team-Modi.
Trotz veröffentlichter Wahrscheinlichkeiten seit FIFA 19 bleiben seltene Karten extrem unwahrscheinlich. Kritiker sprechen von „Pay-to-Win“-Strukturen, da starke Teams im Wettbewerb klare Vorteile bieten.
Politischer Druck auf EU-Ebene wächst
Das Europäische Parlament fordert zunehmend strengere Schutzmaßnahmen für Minderjährige. Eine vollständige EU-weite Harmonisierung ist jedoch unwahrscheinlich, da Glücksspielrecht primär nationale Kompetenz bleibt.
Stattdessen könnten verbraucherschutzrechtliche Instrumente stärker genutzt werden. Spanien plant beispielsweise spezifische Regulierungen, Deutschland berücksichtigt Lootboxen bei Altersfreigaben.
Fazit
Das OGH-Urteil markiert einen Meilenstein im europäischen Lootbox-Diskurs. Österreich folgt dem niederländischen Modell und setzt auf eine ganzheitliche Betrachtung skill-basierter Spiele. Belgien bleibt mit seiner strikten Glücksspiel-Einstufung isoliert.
Für euch als Spieler bedeutet das: Lootboxen in FIFA bleiben in Österreich legal. Für die Branche schafft das Rechtssicherheit – zumindest vorerst. Doch angesichts wachsender wissenschaftlicher Belege und politischer Diskussionen ist die Debatte über Regulierung und Verbraucherschutz noch lange nicht beendet.
