Rumänien steht vor einem der strengsten Eingriffe in seine Glücksspielbranche seit Jahrzehnten. Mit einem neuen Notfalldekret hat die Regierung den Kommunen erstmals das Recht gegeben, Wettbüros und Spielautomatenhallen lokal zu verbieten oder stark einzuschränken.
Damit verändert sich die Machtbalance im rumänischen Glücksspielmarkt grundlegend. Während Betreiber bisher lediglich eine nationale Lizenz benötigten, müssen sie künftig zusätzlich eine Genehmigung der jeweiligen Stadt oder Gemeinde einholen. Bürgermeister und Gemeinderäte erhalten somit ein faktisches Vetorecht, wenn neue Glücksspielstandorte eröffnet werden sollen.
Nach ersten Einschätzungen könnten mehr als 200 rumänische Städte und Gemeinden diese neuen Befugnisse nutzen – einige haben bereits angekündigt, Glücksspiel komplett aus ihren Stadtgebieten verbannen zu wollen.
Lokale Behörden erhalten erstmals echte Entscheidungsgewalt
Die neue Regelung ist Teil einer umfassenden Reform, mit der die rumänische Regierung auf jahrelange Kritik von Bürgern, Politikern und sozialen Organisationen reagiert.
In der Vergangenheit wurden Glücksspielhallen ausschließlich zentral von nationalen Behörden genehmigt. Städte hatten kaum Einfluss darauf, selbst wenn Wettbüros oder Spielautomatenhallen in unmittelbarer Nähe zu Schulen, Wohnhäusern oder Einkaufszentren entstanden.
Genau das soll sich jetzt ändern.
Die rumänische Abgeordnete Diana Stoica von der Partei Save Romania Union, die die Reform politisch vorangetrieben hat, erklärte:
„Von jetzt an können lokale Behörden klar entscheiden: Ja oder nein. Wenn sie zustimmen, können sie auch festlegen, wo und unter welchen Bedingungen Glücksspielbetriebe arbeiten dürfen.“
Diese Änderung könnte für viele Gemeinden zu einem entscheidenden Instrument werden, um die Ausbreitung von Wettbüros zu kontrollieren.
Erste Städte planen vollständige Verbote
Mehrere rumänische Städte haben bereits signalisiert, dass sie die neuen Möglichkeiten nutzen wollen. Mindestens neun Kommunen prüfen derzeit ein vollständiges Verbot von Glücksspielhallen.
Besonders deutlich positioniert hat sich die Stadt Slatina im Süden des Landes. Bürgermeister Mario De Mezzo kündigte an, alle Wettbüros und Spielautomatenhallen aus der Stadt entfernen zu wollen, sobald bestehende Lizenzen auslaufen.
„Die einfachste Lösung ist, diese Geschäfte vollständig aus der Stadt zu entfernen“, sagte De Mezzo. „Sie sind toxisch für unsere Gesellschaft.“
Der Bürgermeister verwies auf zahlreiche Fälle von Spielsucht in seiner Gemeinde und betonte, dass die sozialen Folgen oft unterschätzt würden.
Boomender Glücksspielmarkt als Hintergrund der Reform
Die Reform kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der rumänische Glücksspielmarkt massiv gewachsen ist.
Landesweit gibt es Zehntausende Spielautomaten und Wettbüros, besonders konzentriert in Großstädten wie Bukarest. Viele Bewohner kritisieren seit Jahren, dass Glücksspielangebote regelrecht in Wohnvierteln „explodiert“ seien.
Trotz wachsender Kritik blieb der Markt lange weitgehend liberal reguliert – nicht zuletzt wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung.
Im Jahr 2025 brachte die Branche dem rumänischen Staat rund eine Milliarde Euro an Steuereinnahmen ein. Gleichzeitig stellten staatliche Prüfungen fest, dass mehrere Millionen Euro an Steuern nicht korrekt eingezogen wurden.
Befürworter der Reform argumentieren daher, dass wirtschaftliche Vorteile nicht die sozialen Kosten überdecken dürfen.
Spielsucht als politisches Argument
Für viele Politiker steht mittlerweile weniger die Wirtschaft als vielmehr die öffentliche Gesundheit im Mittelpunkt der Debatte.
Abgeordnete Diana Stoica bezeichnete Glücksspiel ausdrücklich als gesellschaftliches Problem:
„Spielsucht hat die höchste Suizidrate aller Abhängigkeiten. Trotzdem hat der rumänische Staat dieser Branche jahrzehntelang erlaubt, unkontrolliert zu wachsen.“
Sie kritisierte auch die frühere Gesetzeslage:
„Wenn ihr einen Blumenladen eröffnen wolltet, brauchtet ihr eine Genehmigung vom Rathaus. Für ein Wettbüro dagegen nicht.“
Solche Beispiele hätten die politische Unterstützung für strengere Regeln deutlich verstärkt.
Weitere Einschränkungen in Planung
Neben den neuen Befugnissen für Kommunen diskutiert das rumänische Parlament derzeit zusätzliche Maßnahmen zur Regulierung der Branche. Dazu gehören unter anderem:
- Zutrittsverbot für Glücksspielhallen unter 21 Jahren
- Einschränkungen für Online-Glücksspielwerbung zwischen 6 Uhr und Mitternacht
- Verlustlimits von maximal 10 % des erklärten Einkommens
- strengere Regeln gegen Werbung, die Kinder oder Jugendliche anspricht
Bereits im vergangenen Jahr hatte die rumänische Medienaufsicht entschieden, dass Prominente und Influencer nicht mehr in Glücksspielwerbung auftreten dürfen.
Soziale Folgen im Fokus der Politik
Für Bürgermeister Mario De Mezzo war ein tragischer Fall aus seiner Stadt ein Wendepunkt: Ein 27-jähriger Mann aus Slatina nahm sich das Leben, nachdem er hohe Summen beim Glücksspiel verloren hatte.
„Das war der Moment, in dem ich entschied, dass diese Hallen verschwinden müssen“, sagte der Bürgermeister.
Er weist auch das Argument zurück, dass Städte ohne Glücksspielbetriebe wichtige Steuereinnahmen verlieren würden:
„Wenn wir dadurch auch nur ein Leben retten, dann ist es den Preis wert – selbst wenn wir dafür ein paar Straßen später renovieren.“
Fazit
Rumänien steht vor einem grundlegenden Wandel in seiner Glücksspielpolitik. Durch das neue Notfalldekret erhalten Städte erstmals echte Kontrolle darüber, ob und wo Wettbüros und Spielautomatenhallen betrieben werden dürfen.
Während einige Kommunen bereits vollständige Verbote planen, könnte sich das Land langfristig zu einem der strengsten Glücksspielmärkte in Europa entwickeln.
Ob die Maßnahmen tatsächlich zu weniger Spielsucht und weniger illegalen Angeboten führen, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen.
