Sleep Awake geht einen ungewöhnlichen Weg, um euch Angst einzujagen. Statt auf klassische Horror Tricks wie Jumpscares, knappe Munition oder monstergefüllte Korridore zu setzen, versucht das Spiel, euch mit einer einzigen, radikalen Idee zu erschrecken. Horror entsteht hier nicht durch das, was euch jagt. Sondern durch das, was ihr nicht mehr tun dürft.
Stellt euch eine Welt vor, in der das Einschlafen keine Erholung mehr ist, sondern ein Todesurteil. Sobald ihr die Augen schließt, verschwindet ihr im sogenannten „Hush“ und lasst nichts weiter zurück als eine leere Silhouette. Das ist ein ebenso simples wie verstörendes Konzept. Als Ausgangspunkt für eine Horrorgeschichte ist es aber schlicht und einfach… brillant. Sleep Awake baut seine gesamte Welt, Atmosphäre und Symbolik auf der Angst vor Kontrollverlust und Erschöpfung auf.
Das Problem: Eine starke Idee allein trägt kein Spiel. Während die Prämisse fasziniert und euch sofort neugierig macht, zeigt sich schnell, dass Sleep Awake Schwierigkeiten hat, diesen erzählerischen Horror auch spielerisch konsequent umzusetzen.
Sleep Awake: Ein Traumteam erschafft einen fiebrigen Albtraum
Hinter Sleep Awake steckt viel kreative Strahlkraft. Regie führte Cory Davis, bekannt für das verstörend-nachdenkliche Spec Ops: The Line. Der Gitarrist von Nine Inch Nails Robin Finck war hier maßgeblich für den Sound verantwortlich. Dieser kreative Hintergrund ist vom ersten Moment an spürbar. Statt klassischem Survival Horror erwartet euch eine psychedelische Reise durch „The Crush“. Dies ist eine neonleuchtende, verfallene Stadt, die sich anfühlt wie ein endloser Fiebertraum kurz vor dem Zusammenbruch.
Die Atmosphäre ist dabei ganz klar die größte Stärke des Spiels. Visuell vermischt Sleep Awake stilisierte 3D Grafik mit Live Action Sequenzen (FMV), die einwandfrei ineinander übergehen und gezielt Orientierung und Realitätssinn untergraben.
Ihr erlebt die Welt durch die Augen von Katja, einer völlig übermüdeten Protagonistin, und genau so fühlt es sich auch an: Wände scheinen zu schmelzen, Licht explodiert in unnatürlichen Farben, und die Umgebung wirkt, als würde sie jederzeit auseinanderbrechen. Halluzinationen schleichen sich ein, ohne klar zu signalisieren, was real ist und was nicht.
Genauso eindrucksvoll ist das Sounddesign. Aus diesem Grund, falls ihr Sleep Awake spielt, solltet ihr unbedingt Kopfhörer tragen. Denn der Klangteppich ist dicht, industriell und permanent unterschwellig bedrohlich. Statt klassischer Schockeffekte arbeitet der Sound mit Dröhnen, Vibrationen und nervöser Spannung, die euch langsam zermürbt.
Somit fühlt sich das Ganze nicht gerade wie ein typischer Spiele Soundtrack an, sondern mehr so, als wärt ihr mitten in einem düsteren Industrial Album gefangen. Selbstverständlich begleitet von dem dauerhaften Gefühl einer aufziehenden Panikattacke.
Zu Fuß durch den Weltuntergang

So beeindruckend Stimmung und Präsentation auch sind – sobald ihr Sleep Awake tatsächlich spielt, beginnt das Erlebnis spürbar zu bröckeln. Im Kern ist Sleep Awake ein Walking Simulator mit ein paar sehr simplen Stealth Mechaniken, die eher pflichtbewusst als spannend wirken. Große Teile der Spielzeit verbringt ihr damit, langsam durch verfallene Straßenzüge und Innenräume zu laufen, während das Spiel mehr über Atmosphäre als über Interaktion funktioniert.
Kämpfen könnt ihr dabei überhaupt nicht. Den Kultisten und Schergen des Polizeistaats, die patrouillierend durch die Stadt ziehen, könnt ihr nichts entgegensetzen… außer Verstecken. Das muss kein Nachteil sein, wie Spiele à la Outlast eindrucksvoll beweisen. Doch hier fühlt sich das Schleichen erstaunlich altbacken an. Ihr duckt euch hinter Kisten, wartet, bis Gegner ihre vorhersehbaren Routen ablaufen, und bewegt euch dann weiter zum nächsten sicheren Punkt.
Die KI agiert nicht clever oder bedrohlich, sondern erfüllt lediglich ihre Rolle als bewegliches Hindernis. In dunklen Ecken seid ihr praktisch unsichtbar, was jede Form von Nervenkitzel schnell verpuffen lässt. Statt Panik entsteht Routine. Stellt euch einfach vor, dass ihr an einer roten Ampel wartet… anstatt ums Überleben zu kämpfen.
Auch die Rätsel tragen wenig zur Spannung bei. Radios auf Frequenzen abstimmen, Symbole vergleichen oder Zutaten für koffeinartige Wachmacher sammeln, um wach zu bleiben. All das wirkt wie Beschäftigungstherapie. Besonders enttäuschend ist, dass das Spiel die zentrale Angst vor Erschöpfung kaum spielerisch umsetzt. Ihr fühlt euch nicht wirklich müder und ihr spielt nicht anders. Euch wird lediglich gesagt, dass Katja erschöpft ist. Für ein Spiel über Schlaflosigkeit fühlt sich das Gameplay erstaunlich schläfrig an.
Performance auf der PS5

Auf der PlayStation 5 hinterlässt Sleep Awake technisch einen insgesamt soliden Eindruck. Das Spiel zielt auf stabile 60 Frames pro Sekunde ab. Eine absolut notwendige Entscheidung, wenn der Bildschirm permanent von verzerrten Effekten, flackernden Lichtern und halluzinatorischen Bildüberlagerungen dominiert wird. Würde die Framerate hier einbrechen, könnte das schnell unangenehm oder sogar körperlich anstrengend werden.
Umso erfreulicher ist es, dass Sleep Awake in dieser Hinsicht zuverlässig läuft. Auch die Ladezeiten sind extrem kurz, was clever in das Spieldesign eingebunden wird. Statt eines klassischen „Game Over“ Bildschirms lauft ihr nach dem Tod durch einen dunklen Tunnel zurück ins Licht, um wieder in die Action einzusteigen. Das ist stilvoll gelöst und reißt euch nicht aus der Atmosphäre.
Nicht gerade so überzeugend ist jedoch die Nutzung des DualSense Controllers. Zwar gibt es grundlegende Vibrationen bei lauten Geräuschen oder intensiven Momenten, doch das haptische Feedback bleibt oberflächlich. Feinere Impulse, wie etwa das Prasseln des ätzenden Regens oder ein beschleunigter Herzschlag in Stresssituationen, fehlen hier komischerweise einfach komplett.
Auch die adaptiven Trigger kommen kaum zum Einsatz, was angesichts des fehlenden Kampfs zwar nachvollziehbar, aber dennoch enttäuschend ist. Unterm Strich ist die PS5 Version technisch sauber umgesetzt, nutzt die Möglichkeiten der Hardware jedoch nur auf dem nötigsten Niveau aus.
Horror ohne Druck: Warum Angst hier oft nur behauptet wird
Für mich liegt das Hauptproblem von Sleep Awake darin, wie selten das Spiel seine eigene Horror Prämisse spielerisch einlöst. Obwohl euch ständig vermittelt wird, dass Schlaflosigkeit tödlich ist und jede Unachtsamkeit fatale Folgen haben könnte, entsteht daraus kaum echter Druck. Das Spiel arbeitet mehr mit Behauptungen als mit Konsequenzen. Ihr hört, dass Katja am Ende ist, wobei ihr sie aber fast genauso wie zu Beginn spielt.

Besonders auffällig ist, dass viele der kreativsten und verstörendsten Momente dann erscheinen, wenn ihr keinerlei Gefahr ausgesetzt seid. Halluzinatorische Sequenzen, verstörende FMV Montagen und surreale Bilder entfalten zwar Wirkung, bleiben aber rein passiv. Ihr schaut zu, statt zu reagieren.
Sobald wahre Gegner ins Spiel kommen, reduziert sich die Spannung dann wieder auf routiniertes Schleichen an vorhersehbaren Patrouillen vorbei. Angst entsteht so weniger aus Unsicherheit als aus Wiederholung.
Erst im späteren Spielverlauf deutet Sleep Awake an, welches Potenzial hier eigentlich geschlummert hätte. Einzelne Gegnertypen brechen mit bekannten Mustern, setzen auf ungewöhnliche Wahrnehmungsregeln oder starkes Sounddesign und sorgen kurzzeitig für echtes Unbehagen. Diese Momente wirken wie ein Versprechen, aber sie kommen zu spät und bleiben nur selten da.
So entsteht der Eindruck eines Horror Spiels, das seine besten Ideen nicht konsequent miteinander verzahnt. Atmosphäre, Bildsprache und Thema sind stark, doch ohne spielmechanischen Druck bleibt der Schrecken oft theoretisch. Sleep Awake lässt euch viel fühlen, aber zu selten wirklich zittern.
Länge, Tempo und das Gefühl von verschenkter Zeit
Ein weiterer Aspekt, der Sleep Awake spürbar prägt, ist sein Umgang mit Spielzeit. Mit einer Laufzeit von etwa 4 bis 6 Stunden ist das Abenteuer zwar vergleichsweise kurz, fühlt sich aber deutlich länger an, als es eigentlich ist. Das liegt weniger an inhaltlicher Dichte, sondern an einem sehr gemächlichen Tempo.
Katja bewegt sich langsam durch die Spielwelt, viele Abschnitte verlangen geduldiges Warten, Beobachten und erneutes Abgehen bereits bekannter Wege. Fortschritt entsteht nicht durch Entscheidungen oder spielerische Meisterschaft, sondern durch Ausdauer.
Diese entschleunigte Struktur kann grundsätzlich funktionieren, und zwar gerade im Horror Genre. Hier verstärkt sie jedoch häufig das Gefühl, Zeit abzusitzen, statt aktiv voranzukommen. Besonders problematisch ist das, weil es kaum Abwechslung gibt.
Stealth, simples Rätsel Lösen und Erkunden wiederholen sich ohne größere Eskalation oder neue Impulse. Rücksetzpunkte sind zwar fair platziert, doch durch die fehlende spielerische Entwicklung fühlt sich jeder Neustart identisch an.
Auch der Wiederspielwert hält sich entsprechend in Grenzen. Abseits optionaler Texte und leicht variierender Routen gibt es kaum Gründe, das Spiel ein zweites Mal zu erleben. Sleep Awake ist klar als einmalige, lineare Erfahrung gedacht. Dies ist an sich kein Makel, aber es verstärkt hier das Gefühl, dass viele Ideen nicht vollständig ausgespielt wurden. Das Ergebnis ist somit ein Spiel, das atmosphärisch lange nachhallt, spielerisch jedoch schneller verblasst, als seine starke Prämisse vermuten lässt.
Die Story rettet vieles, aber nicht alles
Trotz des zähen Gameplays habe ich mich dabei ertappt, wie ich Sleep Awake dennoch konsequent weitergespielt habe. Schlicht, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Die Geschichte ist dicht erzählt und überfrachtet mit eigens erfundenen Begriffen wie „The Swell“ oder „The Fathom“, was anfangs eher verwirrt als fasziniert. Diese technobabbelartige Sprache kann ermüdend sein, vor allem weil viele Figuren mehr erklären als fühlen. Doch unter dieser sperrigen Oberfläche verbirgt sich ein erstaunlich starker erzählerischer Kern.

Im Zentrum steht Katjas Versuch, ihre Großmutter zu retten und die Wahrheit hinter dem Hush aufzudecken. Genau hier entfaltet das Spiel dann seine größte Wirkung. Die Geschichte ist emotional, seltsam und unangenehm persönlich, ohne sich dabei komplett erklären zu wollen. Sleep Awake traut sich, Dinge offen zu lassen, Assoziationen zuzulassen und euch mit Unsicherheit zurückzulassen.
Besonders effektiv ist dabei auch die Vermischung von Spielgrafik mit realen Videoaufnahmen. Diese Übergänge wirken bewusst irritierend und verstärken das Gefühl, dass Realität und Wahrnehmung langsam auseinanderdriften. Ein perfekter erzählerischer Kniff für ein Spiel über Schlafentzug und geistigen Verfall.
Auch wenn Nebenfiguren oft blass bleiben und optionale Texte mehr Geduld als Interesse verlangen, trägt euch die zentrale Mystery zuverlässig bis zum Ende. Die Story allein kann die spielerischen Schwächen nicht vollständig ausgleichen, verleiht dem Erlebnis aber eine emotionale Schwere, die man so selten in Horrorspielen findet.
Kurz vor dem Erwachen
Je länger Sleep Awake dauert, desto deutlicher treten seine Schwächen zutage. Die großartige Prämisse, die dichte Atmosphäre und das außergewöhnliche audiovisuelle Design stehen einem Gameplay gegenüber, das selten mithalten kann.
Veraltete Stealth Mechaniken, kaum spürbarer spielerischer Druck und ein sehr gleichförmiger Ablauf sorgen dafür, dass sich viele Abschnitte mehr abgesessen als erlebt anfühlen. In meinem Durchlauf war es vor allem die Neugier auf die Geschichte, die mich vorangetrieben hat. Nicht das Spiel selbst.
Dabei wäre das Potenzial enorm. Mehr spielmechanische Konsequenzen für Erschöpfung, variablere Gegner und stärker verzahnte Horror Elemente hätten aus Sleep Awake ein deutlich intensiveres Erlebnis machen können. Die wenigen späten Highlights zeigen, dass das Team genau dazu fähig ist.
Was bleibt, ist ein Spiel, das euch emotional und atmosphärisch packt, spielerisch aber oft auf Distanz hält. Sleep Awake wirkt wie ein mutiger erster Schritt eines Studios mit klarer Vision. Ein Hersteller, der neugierig macht auf das, was Eyes Out in Zukunft mit mehr Fokus und spielerischer Schärfe erreichen könnte.
Fazit
Sleep Awake ist ein Spiel, das man oft lieber erlebt, als es tatsächlich spielt. Als interaktives Kunstwerk funktioniert es bemerkenswert gut. Die audiovisuelle Präsentation ist außergewöhnlich, das Sounddesign gehört zum Unangenehmsten, was das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat, und die Geschichte bleibt lange im Kopf.
Die Idee einer Welt, in der Schlaf zum Todesurteil wird, verleiht dem Ganzen eine thematische Schwere, die sich deutlich von klassischem Horror unterscheidet. In seinen besten Momenten fühlt sich Sleep Awake wie ein fiebriger Albtraum an, aus dem ihr nicht ganz aufwachen wollt.
Als Game hingegen offenbaren sich klare Schwächen. Die Stealth Mechaniken sind veraltet und vorhersehbar, Gegner stellen kaum echte Bedrohung dar, und die Rätsel wirken mehr wie Beschäftigung als wie sinnvolle spielerische Ergänzung. Besonders enttäuschend ist, dass das zentrale Thema kaum mechanisch spürbar wird.
Statt euch unter Druck zu setzen, erzählt euch das Spiel meist nur, dass ihr müde seid. Dadurch fühlt sich die ohnehin überschaubare Spielzeit von fünf bis sechs Stunden deutlich länger an, als sie sein müsste.
Wenn ihr „Vibes-first“ Horrorspiele wie Layers of Fear oder Observer schätzt, oder wenn ihr ein Faible für industriell geprägte Klanglandschaften habt, solltet ihr Sleep Awake definitiv im Blick behalten. Erwartet ihr jedoch ein Survival Horror Spiel, das euch spielerisch fordert und konstant unter Spannung setzt, dürfte Ernüchterung einsetzen. Sleep Awake ist ein wunderschöner, verstörender Albtraum. Einer, der euch fasziniert, aber auch Gefahr läuft, euch stellenweise einschlafen zu lassen.
| Vorteile | Nachteile |
| Herausragendes Audio: Sounddesign und Musik von Robin Finck sind meisterhaft und durchgehend verstörend. | Langweiliges Gameplay: Die Stealth Abschnitte sind simpel, repetitiv und bauen kaum Spannung auf. |
| Einzigartige Optik: Die Mischung aus 3D Grafik und FMV erzeugt eine psychedelische, surreale Atmosphäre, die auf der PS5 hervorragend zur Geltung kommt. | Kein Kampf: Das Fehlen jeglicher Verteidigungsmöglichkeiten lässt Begegnungen passiv und frustrierend statt furchteinflößend wirken. |
| Starkes Konzept: Die Prämisse „Schlaf bedeutet Tod“ ist originell und zutiefst beunruhigend. | Schwache KI: Gegner folgen starren Routen und lassen sich leicht austricksen, wodurch der Angstfaktor verloren geht. |
| Saubere Performance: Läuft mit stabilen 60 fps und sehr kurzen Ladezeiten. | Unzureichend genutzter DualSense: Die besonderen Controller Funktionen tragen kaum zur Immersion bei. |
| Interessantes Lore: Der Weltenbau ist tiefgehend, auch wenn die Dialoge stellenweise sehr jargonlastig sind. | Kurz, aber zäh: Trotz kurzer Spielzeit können das langsame Lauftempo und viele Wartephasen das Erlebnis in die Länge ziehen. |
