Stellt euch vor, ihr beginnt einen neuen Job, blinzelt einmal… und plötzlich sind 13 Jahre vergangen. Genau so fühlt sich die Entwicklungsgeschichte von Routine an, dem Sci-Fi Horrorspiel von Lunar Software, das uns erstmals 2012 einen kurzen, aber eindringlichen Vorgeschmack gegeben hat. Danach verschwand das Projekt beinahe vollständig von der Bildfläche, tauchte Jahre später wieder auf, wechselte die Engine, verlor Entwickler und gewann neue dazu. Bis es schließlich im Dezember 2025 tatsächlich erschienen ist.
In der Zeit, die Routine für seine Fertigstellung gebraucht hat, kamen und gingen ganze Konsolengenerationen. Wir haben Spiele wie Alien: Isolation, SOMA und sogar ein Dead Space Remake erlebt. Das Niveau für Horror in verlassenen Raumstationen wurde also deutlich nach oben geschraubt.
Die große Frage lautet daher: Kann Routine da überhaupt noch mithalten? Die überraschende Antwort ist: ja, aber nicht ohne Einschränkungen. Routine fühlt sich an wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Es ist ein kompromissloses Horrorerlebnis, das euch nicht an die Hand nimmt, euch absichtlich überfordert und euch zwingt, aufmerksam zu sein. Dabei ist es gleichzeitig faszinierend, extrem atmosphärisch, gnadenlos stressig und stellenweise frustrierend. Genau diese Mischung macht Routine so einzigartig.
Die Ästhetik: 80er Tech in 4K
Das Erste, was euch an Routine auffällt, ist, wie unglaublich gut es aussieht. Zwar läuft das Spiel auf der Unreal Engine 5, doch statt moderner Hochglanz Sci-Fi mit Neonlichtern und holografischen Interfaces bekommt ihr eine Zukunftsvision, wie man sie sich in den 1980er Jahren vorgestellt hat.

Klobige Röhrenmonitore mit grünlich flackernden Anzeigen, schwere Tastaturen mit sattem Klickgeräusch und jede Menge beigefarbener Plastikverkleidungen prägen das Bild. Dieses konsequent durchgezogene „Cassette Futurism“ Design erinnert stark an Alien oder 2001: Odyssee im Weltraum und verleiht dem Spiel eine unverwechselbare Identität.
Die Hauptrolle spielt dabei selbstverständlich die Beleuchtung. Die Mondstation Union Plaza ist dunkel. Nicht stimmungsvoll dämmrig, sondern unangenehm, beklemmend finster. Ihr tastet euch durch enge Korridore, starrt in tiefe Schatten und hofft inständig, dass eure Taschenlampe nicht im falschen Moment den Geist aufgibt. Genau dieses Spiel mit Licht und Dunkelheit sorgt dafür, dass jeder Raum potenziell bedrohlich wirkt.
Technisch präsentiert sich Routine dabei erstaunlich sauber. Auf modernen PCs läuft das Spiel flüssig und gestochen scharf, was den Kontrast zwischen hochauflösender Darstellung und veralteter Technik noch verstärkt. Schmutz, Abnutzung und Verfall fühlen sich greifbar an. Ihr erkundet keine Spielwelt, sondern ihr betretet ein Grab, das euch jederzeit verschlingen könnte.
Der Klang der Stille (und der Roboter)
Wenn euch die Optik von Routine langsam in ihren Bann zieht, dann ist es das Sounddesign, das euch am liebsten direkt wieder hinauswerfen möchte. Im besten Sinne. Die Audiokulisse ist erdrückend und kompromisslos. Es gibt keine permanenten Musikstücke, die euch sagen, wann ihr euch fürchten solltet oder wann Entspannung angebracht wäre. Stattdessen hört ihr das monotone Brummen der Mondstation, das leise Surren alter Technik und vor allem: die schweren, metallischen Schritte der sogenannten Type-05 Roboter, die irgendwo da draußen auf der Jagd nach euch sind.
Der Soundtrack, ursprünglich von Mick Gordon begonnen und später von Nathaniel Jorden Apostol vollendet, ist eine Lehrstunde in Sachen subtiler Spannung. Tiefe Drones, industrielle Geräusche und kaum wahrnehmbare Klangflächen verschmelzen mit den Umgebungsgeräuschen, sodass Musik und Welt praktisch eins werden. Oft seid ihr euch nicht einmal sicher, ob ihr gerade einen Soundtrack hört oder ob die Station selbst „atmet“.
Hören wird hier zu einem Überlebenswerkzeug. Ist das Zischen vor euch nur ein defektes Rohr, oder kündigt es die Nähe eines Roboters an? Kommt das metallische Klacken aus einem Nachbarraum oder direkt hinter euch? Ihr ertappt euch dabei, wie ihr im echten Leben den Atem anhält, nur um besser lauschen zu können. Routine erzeugt Angst nicht durch laute Schocks, sondern durch Unsicherheit. Genau das macht das Sounddesign so gnadenlos effektiv.
Der C.A.T.: Euer einziger Freund

Routine verzichtet komplett auf ein klassisches HUD. Keine Minimap in der Ecke, keine Lebensanzeige, keine Munitionszähler. Stattdessen habt ihr nur ein einziges Tool, und zwar den Cosmonaut Assistance Tool, kurz C.A.T. Dieses klobige, fast schon lächerlich altmodische Gerät ist Taschenlampe, Map, Betäubungswaffe und Analyse Tool in einem, und gleichzeitig eine der cleversten Designentscheidungen des gesamten Spiels.
Der große Kniff des C.A.T. liegt darin, wie sehr er euch zwingt, physisch mit der Spielwelt zu interagieren. Wollt ihr die Karte checken, müsst ihr das Gerät tatsächlich hochheben und auf den kleinen Bildschirm schauen. Währenddessen seht ihr nichts von dem, was vor euch passiert. Kein Augenwinkel, kein Sicherheitsnetz. Jeder Blick auf den C.A.T. ist ein bewusstes Risiko.
Auch Türen, Sicherungen oder Rätsel lassen sich nicht einfach per Knopfdruck lösen. Mit dem sogenannten „Ultraview“ Modus verfolgt ihr Kabel durch Wände, sucht Stromquellen oder versteckte Verbindungen. Das kostet Zeit, Konzentration und Nerven. Besonders dann, wenn ihr wisst, dass irgendwo hinter euch ein Type-05 Roboter langsam näherkommt.
Selbst das Betäuben von Gegnern fühlt sich nie mächtig an. Die Batterie ist begrenzt, das Nachladen dauert, und absolute Sicherheit gibt es nie. Der C.A.T. ist kein Power Fantasy Gadget, sondern ein Tool zum Improvisieren. Genau das macht ihn so effektiv. Er verstärkt Routines Grundgefühl von Hilflosigkeit, Anspannung und permanenter Unsicherheit. Dies macht jede Entscheidung zu einer echten Abwägung.
Gameplay: Der Old School Grind
Hier zeigt Routine ganz unverblümt sein Alter, und zwar ohne sich dafür zu entschuldigen. Es ist ein Spiel, das euch ein kleines bisschen hasst. Es gibt keine Zielmarker, keine Questpfeile, keine sanften Hinweise.
Wenn ihr wissen wollt, wohin ihr müsst, lest ihr Schilder an den Wänden, merkt euch Raumbezeichnungen oder hofft schlicht, euch richtig zu erinnern. Überseht ihr eine kleine Sicherung auf einem Schreibtisch oder ein unscheinbares Terminal, könnt ihr problemlos eine Stunde lang im Kreis laufen, ohne zu wissen, was euch fehlt.
Das Stealth System ist bewusst simpel gehalten. Ihr duckt euch, versteckt euch, wartet ab. Die Type-05 Roboter patrouillieren feste Routen, und sobald ihr diese verinnerlicht habt, verlieren sie einen Teil ihres Schreckens. Stattdessen werden sie zu lästigen, aber gefährlichen Hindernissen, die euren Fortschritt immer wieder unterbrechen. Besonders frustrierend ist aber, dass Gegner euch aus Verstecken herausziehen können, wenn sie euch beim Reingehen sehen.
Sterbt ihr, schickt Routine euch gnadenlos zu einem manuellen Speicherpunkt zurück, der gut und gerne 15 oder 20 Minuten Spielzeit entfernt liegen kann. Kein Autosave, kein Mitleid. Das fühlt sich heute fast schon brutal an, ist aber konsequent. Routine zwingt euch zur Langsamkeit, zur Beobachtung und zum Lernen. Wer hastet oder ungeduldig wird, wird bestraft. Wer sich Zeit nimmt, aufmerksam bleibt und die Umgebung respektiert, überlebt… meistens.
Angst durch Kontrolle
Ein Aspekt von Routine, der leicht unterschätzt wird, ist, wie konsequent das Spiel dem Spieler jede Form von Kontrolle entzieht. Nicht nur durch fehlende Maps, Checkpoints oder Hilfen, sondern durch Designentscheidungen, die selbst alltägliche Komfortfunktionen verweigern. Ihr könnt das Spiel nicht wirklich pausieren.

Selbst das Optionsmenü friert die Welt nicht ein. Das bedeutet, dass ihr theoretisch sterben könnt, während ihr die Helligkeit anpasst oder die Lautstärke reguliert. Das klingt banal, sorgt aber für eine unterschwellige, permanente Anspannung, die kaum ein modernes Horrorspiel noch wagt.
Auch Informationen werden euch bewusst vorenthalten. Ihr wisst nie genau, wie viel Gesundheit ihr noch habt. Ihr seht keinen Munitionszähler, sondern müsst euer C.A.T. Gerät physisch betrachten, um den Batteriestand abzulesen. Selbst das Lesen von E-Mails oder Notizen ist mühsam, weil Bildschirme flackern, Texte schlecht ausgeleuchtet sind und nichts automatisch herangezoomt wird. Routine macht aus Informationsmangel ein zentrales Horror-Tool.
Diese Designphilosophie ist nicht immer „fair“, aber sie ist extrem effektiv. Das Spiel erzeugt Angst nicht durch Jump Scares, sondern durch Unsicherheit. Ihr trefft Entscheidungen auf Basis unvollständiger Daten, unter Zeitdruck und mit der ständigen Angst, beobachtet zu werden. Routine fühlt sich dadurch weniger wie ein Spiel an, und mehr wie ein Ort, an dem ihr eigentlich nicht sein solltet.
Wenn Horror zur Gewohnheit wird… und trotzdem seine Wirkung nicht verliert
Ein interessanter Effekt von Routine zeigt sich erst nach einigen Stunden Spielzeit. Denn die anfängliche Panik weicht langsam einer angespannten Routine, und genau darin liegt eine weitere Stärke des Spiels. Ihr lernt die Geräusche der Station zu deuten, unterscheidet zwischen harmlosen Umgebungsgeräuschen und den schweren Schritten der Type-05 Roboter. Ihr wisst, wann ihr euch bewegen könnt und wann Stillstand die bessere Option ist. Doch Routine nutzt dieses Gefühl von Sicherheit gnadenlos aus.
Sobald ihr glaubt, das Spiel „verstanden“ zu haben, verändert sich die Dynamik subtil. Wege, die zuvor sicher wirkten, werden plötzlich gefährlich, weil ein Roboter seine Route minimal verändert oder ein neues Geräusch eure Aufmerksamkeit in die falsche Richtung lenkt. Routine erschreckt euch nicht ständig, sondern es hält euch stattdessen in einem Zustand latenter Anspannung, der kaum nachlässt. Ihr seid nie wirklich entspannt, selbst wenn gerade nichts passiert.
Besonders clever ist dabei, dass Routine euch nicht aktiv bestrafen muss. Allein die Möglichkeit, einen Fehler zu machen, reicht aus. Ein falsch gesetzter Schritt, ein zu langes Zögern beim Wechseln eines C.A.T. Moduls oder ein kurzer Blick auf den falschen Bildschirm können fatale Folgen haben. Das Spiel erzeugt Horror nicht durch Überforderung, sondern durch Erwartung.
So wird Routine paradoxerweise immer unheimlicher, je besser ihr werdet. Denn ihr wisst inzwischen ganz genau, was auf dem Spiel steht und wie schnell alles schiefgehen kann.
Ein Erlebnis mit klaren Ecken und Kanten

So beeindruckend Routine in Atmosphäre, Sounddesign und Konsequenz auch ist, es ist kein Spiel ohne Reibungspunkte. Gerade seine kompromisslose Designphilosophie wird nicht für alle aufgehen. Die fehlenden Komfortfunktionen, wie kein richtiges Pausieren, keine klaren Ziele und keine Map, verstärken zwar den Horror, können aber ebenso schnell in Frust umschlagen. Besonders wenn ihr euch verlauft oder an einer Aufgabe hängt, fühlt sich der Spielfluss unnötig ausgebremst an.
Auch die Gegner KI zeigt mit der Zeit Schwächen. Was anfangs bedrohlich wirkt, verliert stellenweise an Wirkung, sobald ihr die festen Routen der Roboter durchschaut habt. Hier hätte etwas mehr Varianz oder Dynamik langfristig für mehr Unberechenbarkeit sorgen können. Zudem wirken manche Rücksetzpunkte schlicht zu hart, vor allem wenn ihr nach einem Fehler lange Abschnitte erneut absolvieren müsst.
Routine verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf seine Regeln einzulassen. Wer diese Eigenschaften mitbringt, bekommt ein außergewöhnliches Horrorerlebnis. Wer nicht, könnte sich schnell abgestoßen fühlen.
Fazit
Routine ist ein Spiel außerhalb seiner Zeit. Es präsentiert eine beeindruckend umgesetzte Welt, die sich bewusst weigert, ihre Spielmechaniken zu modernisieren, und das mit all ihren Stärken und Schwächen.
Für Fans von atmosphärischem Horror, die sich nach Spielen sehnen, die ihnen nicht ständig sagen, was als Nächstes zu tun ist, ist Routine ein Pflichtspiel. Seid jedoch gewarnt: Das Tempo ist langsam, der Druck konstant und die Anspannung gnadenlos. Es geht nicht darum, sich zu wehren, sondern darum, eine Schicht in einem Ort zu überleben, der euch ganz offensichtlich tot sehen will. Routine lebt von Unbehagen, Unsicherheit und davon, dass ihr euch auf jedes System zu seinen eigenen Bedingungen einlasst.
Gerade das macht das Spiel so besonders und gleichzeitig so spaltend. Der völlige Verzicht auf Hilfestellungen, harte Checkpoints und bewusst sperrige Interaktionen sorgen für eine Immersion, die sich nur wenige Horrorspiele heute noch trauen. Gleichzeitig wird eure Geduld regelmäßig auf die Probe gestellt, vor allem dann, wenn der anfängliche Schrecken langsam der Routine weicht.
Routine will nicht jedem gefallen, aber genau das ist seine größte Stärke. Für alle, die bereit sind, Kontrolle abzugeben und sich auf das kalte, kompromisslose Design einzulassen, ist es eines der eindringlichsten Horrorerlebnisse der letzten Jahre.
| Vorteile | Nachteile |
| Unglaubliche Atmosphäre: Die 80er Sci-Fi Ästhetik ist perfekt umgesetzt und wird von beeindruckenden UE5 Visuals getragen. | Frustrierende Navigation: Fehlende Map Marker sorgen dafür, dass man sich häufig verirrt. Manchmal unnötig mühsam. |
| Beklemmendes Audio: Das Sounddesign ist extrem immersiv und spielt eine zentrale Rolle fürs Überleben. | Einfache Stealth Mechaniken: Die Gegner KI ist vorhersehbar und führt oft zu repetitiven Wartephasen. |
| Einzigartige Benutzeroberfläche: Das C.A.T. Tool hält euch konsequent in der Spielwelt und verstärkt die Immersion. | Harte Checkpoints: Ein Tod kann bedeuten, längere Abschnitte langsamen Gameplays erneut zu spielen. |
| Starke Performance: Läuft auf dem PC flüssig und wirkt durchgehend scharf und sauber. | Kein Handholding: Der komplette Verzicht auf Hilfen kann Spieler:innen abschrecken, die moderne Komfortfunktionen erwarten. |
